Niemandsland

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(english version below)

Ich bin angekommen. In Südafrika. In Pretoria. Ein bisschen auch bei mir.

Die letzten Verabschiedungen am Bahnhof wurden begleitet von einem kleinen Schock. Nicht mit dem dreimaligen Packen meiner Koffer („Ich packe meine Koffer und nehme mit… ach Mist, das muss wieder raus. Zu viel. Zu schwer. Zu sperrig.“), nicht mit dem vorerst letzten gemeinsamen Frühstück in der Familie und nicht mit dem Kaufen der Zugkarten wurde mir bewusst, was ich im Begriff bin zu tun, sondern erst mit dem Einsteigen in den Zug. Zwei Jahre. 731 Tage. 17.544 Stunden. 1.052.640 Minuten. Kein Geruch von Muttis Waschmittel. Kein Geschmack von selbstgebackenem Geburtstagskuchen. Kein Geräusch aus dem knarzenden Haus. Statt dessen gar kein zu Haus. Jedenfalls im Moment noch nicht. Alles was ich besitze ist ein vollgestopfter Koffer, ein vollgestopfter Rucksack und einen Sitzplatz im Flugzeug. Mein Mann reicht mir Taschentücher und ich lasse die wohl bekannte Landschaft an mir vorüberziehen. Ich betrete emotionales Niemandsland. Weder verspüre ich Vorfreude, noch Aufregung, noch Angst. Nicht einmal der Flug selbst kann dies ändern, obwohl er mich sonst zu einer Salzstatue erstarren lässt, deren Hände so fest in die Sitzlehnen gekrallt sind, dass sie fast eins mit ihr sind. Heute jedoch übermannt mich der Schlaf. Als Geschenk lässt er mir eine Portion Gelassenheit da, die so gewaltig ist, dass sie sämtliche Zweifel der letzten Wochen an die Wand spielt.

So lande ich butterweich. Werde von klassischer Musik begleitet in ein B&B gefahren. Von einer verschmusten Rottweilerdame um Aufmerksamkeit gebeten und von neuen Gesichtern mit veganen Burgern versorgt bis mir der Bauch zu platzen droht. Es ist schön hier. Es ist warm hier. Die Luft riecht, als wäre sie gezuckert. Sie ist leichter, trockener und voller fremder Vogellaute. Leider beginnt die erste Woche aber kaum anders, als die letzte geendet hat. Auch hier stehen zunächst Verwaltungswege an, um Fragen der Visa (check), der Arbeitserlaubnis (check), der Erreichbarkeit (zumindest im mobilen Bereich check), der Wohnung (noch nicht check), der Fortbewegung (zumindest privat noch kein check) und der medizinischen Versorgung (check) zu klären. Ein paar Stunden habe ich aber dennoch abzwacken können, um zumindest einen kleinen Teil Pretorias kennen zu lernen:

Die Union Buildings bilden den Sitz der südafrikanischen Regierung. Der Bau ist mit seinen 285 Metern so lang, dass man ihn kaum auf ein Bild bekommt. Da er aber über der Stadt gelegen ist, wird man mit einem schönen Blick über die Stadt entschädigt. Fast als Herzstück der unter dem Gebäude angelegten Terrassen möchte ich die neun Meter hohe Bronzestatue Nelson Mandelas bezeichnen, die im Rücken die Union Buildings hat und das Gesicht und die erhobenen, ausgebreiteten Hände zur Stadt richtet. Es vergeht keine Minute, in der sich hier nicht zahlreiche Touristen vor der Statue fotografieren oder gegen ein ordentliches Entgelt fotografieren lassen. Da ich auf letzteres gut und gerne verzichten kann, haben wir uns, wie viele andere Südafrikaner auch, mit einem Eis in der Hand und einem Panorama vor der Brust auf die Terrassenbänke gesetzt und die Sonne genossen.

Der Botanische Garten stand eigentlich nicht auf meinem Plan, welcher aber nach einer Einladung eines B&B „Mitbewohners“ gern geändert wurde. Mit meinem Makroobjektiv bewaffnet haben wir uns auf den Weg gemacht. Schon auf dem riesigen Parkplatzgelände wurde mir schnell bewusst, dass botanische Gärten nicht gleich botanische Gärten sind. Während meine Besuche in Jena oder Oldenburg davon ausgezeichnet waren meist allein auf dem Gelände unterwegs zu sein, tummeln sich hier hunderte von Menschen auf den großen Parkanlagen, die in den Garten integriert sind. Darunter finden sich Künstler mit Leinwänden, dösende Muttis und Kindergeburtstage, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt. Das Gelände ist so weitläufig, dass es kaum an einem Nachmittag abzulaufen ist. Mein Makroobjektiv konnte ich nach ein paar Minuten wieder einpacken, als ich merkte, dass ich hier weniger mit kleinen zarten Pflänzchen, sondern eher mit groben Palmen, widerstandsfähigen Kakteen und riesigen Pflanzen deren Namen ich weder aussprechen noch mir merken konnte, rechnen muss.

Am schönsten fand ich das städtische Bird Sanctuary. Zunächst war ich skeptisch: ich stand vor dem Eingang und musste keinen Eintritt bezahlen. Wenn man es wie in Deutschland gewohnt ist für jedes Museum, jeden noch so kleinen und verdreckten Badesee, ja sogar für Toiletten Eintritt zu bezahlen, erwartet man zunächst nicht allzu viel, wenn keine Gebühr sondern nur Ruhe verlangt wird. Flächenmäßig betrachtet bekommt man auch nur einen kleinen Steg mit Sichtschlitzen von vielleicht 200 Metern Länge geboten. Dafür aber eine zahlreiche Artenvielfalt an Vögeln, die sich im und am Seeufer ausruhen, nach Fischen jagen und im Schilf Nester anlegen, sodass ich ein paar geschlagene Stunden dort Platz genommen und mir von anwesenden Birdern erklären lassen habe, was ich hier alles sehe. Wer wie ich irgendwann hungrig wird, kann hier dann auch ein paar hundert Meter am See entlang zu einem Restaurant laufen, dort direkt am Ufer sitzen, fantastisches Essen genießen und mit etwas Glück, wie wir es hatten, Besuch von einem Paradieskranich bekommen.

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I have arrived. In South Africa. In Pretoria. In some kind at myself.

The last Goodbyes at the train station came along with a little shock. Neither the third time of unpacking and packing my suitcase (“I´m packing my suitcase and will take with me… oh no, I have to unpack this and that. It´s to much. It´s to heavy. It´s to bulky.“) nor the last breakfast with my family or purching my tickets for the train helped me to recognize what I´m about to do. But entering the train did. Two years. 731 days. 17.544 hours. 1.052.640 minutes. No smell of my mothers washing powder. No taste of homemade birthday cakes. No creaking sounds of our house. Instead I´m having no home at all at the moment. All I possess right now are a jam-packed suitcase, a jam-packed backpack, and a plane ticket. My husband passes me some tissues and I´m watching the well-known landscapes passing by. I´m entering emotional no man´s-land. I´m neither feeling a pleasant anticipation nor excitement or fear. Not even the flight itself is able to change this, although I´m usually so scared stiff, that my hands are clawed so deep in my hand rests that they nearly become one. Today I´m so overpowered I fell asleep immediately. And as a gift I wake up with a big portion of calmness that outacts all doubts of the last weeks.

So I landed really soft. I was picked up and brought to a B&B accompanied by classical music. A really cuddly Rottweiler directed my attention to her and I ate some very tasty vegan burgers until I couldn´t eat no more. It really is nice here. It´s warm here. The air is sugared. The air is lightweight and dry and full of never heard bird sounds. Unfortunately this weeks begins as the last one ended. We had to do a lot of administrate stuff e.g. regarding our visas (check), our employment permit (check), our availability (mobil: check), our flat (not checked), our mobility (not checked yet) and our health care (check). But I was able to pinch of a few hours to visit some of Pretoria´s places of interest:

The Union Buildings are the seat of South African government. It is barely possible to take a picture covering it entirely since the building is 285 meters long. But the good thing is, it is situated on a little hill so that you have a good view above the whole city. The 9 meter big statute of Nelson Mandela might be the heart of the multilevel terraces that are located in front of the buildings. He is looking towards the city with arms wide open. It doesn’t go by a single minute while tourists are not standing in front of him trying to get a good picture of themselves and the statue. I can do without the latter so we bought some ice cream like other South Africans and enjoyed the panorama as well as the sun.

To visit the Botanical Garden wasn´t part of my original plan but as we were invited by a guy who lived in the same B&B we changed our plans. Heavily armed with my macro-lenses we set off. As soon as we arrived the parking lot I realized that there is no botanical garden like the other. While I was the only visitor in the botanical gardens in Jena or Oldenburg here the whole nation seems to be in the big parkways that are integrated in the garden. There are artists painting on canvas, mothers dozing in the sun, and birthday parties for children I only knew from American movies. The area is so roomy I could spend the whole afternoon here without seeing everything. But I had to pack my lenses back in my bag as I realized that I won´t find small little flowers here but more big palms, resistant cactuses, and huge plants which names I neither can spell nor remember.

I liked the Bird Sanctuary the most. First I was skeptical: I was standing in front of an entrance but no one was there who asked me to pay for the admission. If you come from Germany like I do, you are used to pay for every museum, every dirty swimming lake and even every toilet use. So I didn´t expected too much. And to be honest there is only a wooden floor of about 200 meters length with small viewing slots on one side. But you will see a richness in birds which are relaxing on the shore, hunting fishes, or building nests so that it is easy to spend hours there while present birders are telling you what species are flying around you. And if you get hungry like I did, there is a restaurant just a few hundred meters away where it is possible to sit on the shore, enjoy fantastic food and if you are lucky like us you get a visit from a blue crane.

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