Autoscooter

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(english version below)

Es sind nur noch einige Nächte bis zum Abflug und ich liege wach. Es ist 04:05 Uhr. Das gesamte Internet dürfte ich mittlerweile durchgelesen haben. Weder meine Augen noch meine Gedanken werden müde. Die letzten Wochen waren vollgestopft mit Vorbereitungen, die im Akkord abgearbeitet wurden. Nachdem sich nun ein Ende abzeichnet, kommt ein Gedankenwirbelsturm auf, der einem überfüllten Autoscooter gleicht. Sie prallen so häufig aufeinander, dass ich einem kaum nachkommen kann. Stattdessen sehe ich den nächsten, der gleich mit dem übernächsten kollidiert, dem ich dann folge um irgendwann vielleicht wieder am ersten vorbeizufahren, diesen zu schnappen, mich drauf zu setzen und ihn zum Stehen zu bringen. Aber es ist so viel los, dass ich den Überblick verliere.

Ja. Ich habe Angst. Die Reaktionen aus dem Bekanntenkreis auf die Nachricht der geplanten Abreise reichten von heller, echter, geteilter Freude über einen flapsigen Glückwunsch oder im besten Fall Desinteresse bis hin zu Warnungen, sich nicht das Leben oder schlimmer noch den Lebenslauf zu ruinieren. Immerhin werde ich mich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangeln müssen und das obwohl die erarbeitete Promotion im eigenen Land doch so viel Wert wäre. So fest ich mir vorgenommen habe, dies nicht mehr an mich herankommen zu lassen, nachdem die Entscheidung einmal gefallen war, so leise schleichen sich diese Äußerungen jetzt an die Oberfläche und werfen dort lange Schatten.

Ja. Ich bin unsicher. Ich weiß nicht, ob es eine richtige Entscheidung gegeben hätte. Ich weiß aber, dass mich die Alternative – die nächsten 35 Jahre in einem festen Job ohne Aussicht auf Veränderung – gegruselt hat. Ich weiß auch, dass ich wiederkomme und mir vielleicht das ein oder andere „Ich habs dir doch gesagt!“ anhören muss. Ich weiß aber auch, dass es sich lohnen kann. Ich bin froh, in den letzten Wochen Menschen kennengelernt zu haben, die eben dieser Seite begegnet sind. Die mit achtzehn Jahren in die Welt gezogen sind und seit zwölf Jahren umher reisen ohne dabei etwas zu vermissen oder zu bereuen. Die mir gezeigt haben, dass am Ende immer alles irgendwie gut ging, selbst wenn sprachliche oder kulturelle Grenzen bestanden oder man auf nacktem Wüstenboden schlafen musste, da einem das Auto abgenommen wurde.

Ja. Ich bin wehmütig. Ich werde meine Familie und meine Freunde vermissen. Ich werde meine alte und meine derzeitige Heimat vermissen. Ich werde Kirschbäume im Frühling vermissen. Johannisbeeren und Walnüsse aus dem Garten. Kaminabende und Radtouren. Eichhörnchen auf dem Balkon. Halloweenpartys. Kaffeeklatsch. Bäckerbrötchen. Bitterschokolade. Bus fahren. Buttermilch. Aber ich möchte auch loslassen und meine Hände in neue Erde stecken.

Ja. Ich bin vielleicht auch ein bisschen naiv. Ich weiß, dass das Leben anders sein wird. Ich weiß, dass es gefährlich sein kann. Ich hoffe aber das Beste. Ich hoffe auf das Bestehen alter und das Knüpfen neuer Freundschaften. Ich hoffe auf neue Horizonte und neue Chancen. Auf das Erleben und nicht nur Zuschauen einer anderen Kultur und Tradition. Auf Integration. Auf Sommergewitter über dem Meer. Schneemänner aus Sand. Wellenrauschen beim Aufwachen. Wellenrauschen beim Einschlafen. Innere Ruhe.

Ja. Ich bin voller Vorfreude.

Es ist 05:17 Uhr.

 

English version

There are only a few nights left until departure and I lie awake. It’s 04:05 a.m. I probably read the whole internet by now. Neither my eyes nor my thoughts are getting tired. The last weeks were crammed with preparations that have been worked on non-stop. Having the end in sight a hurricane of thoughts enters my mind resembling a crowded bumper car ride. They collide so often that I can barely trail them. Instead I see the next one colliding with the next but one, which I then follow to possibly eventually drive past the first one again – to catch it, sit down on it and to make it stop. But there is so much going on that I lose track.

Yes. I am scared. The responses from my circle of acquaintances to the news of the planned departure varied from bright, genuine, shared joy to lukewarm congratulations or, at best, indifference to warnings of a ruined life or even worse a ruined CV. After all I have to muddle through with occasional jobs while my graduation would be so much worth working in my home country. As much as I wanted to not be affected by comments they are creeping into my head and casting clouds over my decision.

Yes. I am insecure. I have no idea if there would have been a right decision. But the prospect to work in the same job for the next 35 years gives me the creeps. Maybe I will come back in two years and have to listen to all the “I told you so”s. But maybe it will all be worth the risk. I´m very happy to have met people, who told me just this over the course of the last weeks. People who went out into the big wide world just after their eighteenth birthdays, who have been traveling for twelve years without missing anything or having any regrets. People who showed me that in the end everything will be find even if there are linguistic or cultural boundaries to overcome or the need to sleep on desert soil after the car was stolen.

Yes. I am nostalgic. I´m going to miss my family and my friends. I´m going to miss my old and my current home. I´m going to miss cherry trees during spring. Currants and walnuts from our garden. Sitting around our chimney in winter and going on tour with my bicycle. Squirrels on our balcony. Halloween parties. Coffe klatsch. Rolls from the bakery. Dark chocolate. Going by bus. Buttermilk. But I also want to let go and ditch my hands in new earth.

Yes. Maybe I am a little bit naïve. I know life in South Africa is going to be different. I also know that it could be dangerous. But I´m hoping for the best. I´m hoping that my friendships will last and I will be able to make new friends as well. I´m hoping for new horizons and chances. For the experience of new cultures and traditions. For integration. For lightening over the sea during summer. For snowmen made of sand. For the noise of the sea when I wake up. For the noise of the sea when I go to bed. For peace of mind.

Yes. I´m feeling a pleasant anticipation.

It is 05:17 am.

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4 thoughts on “Autoscooter

  1. Genieße die wunderbare Zeit. Ich werde mich immer freuen hier von dir zu lesen und wenn du wieder da bist trinken wir einen Kaffee und essen Bäckerbrötchen 🙂

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  2. Du wirfst nichts weg! Außer einem Stück Enge.
    Deine akademischen Würden kann Dir niemand nehmen, Deine Erfahrungen wachsen nur noch. Vielleicht in beruflicher Hinsicht nicht so geradlinig, wie besorgte Verwandte sich das für Dich wünschen. Aber die zwei Jahre sind ja keine Pause. Du lebst weiter, denkst weiter, Dein Horizont wird sich dumm und dämlich erweitern 😉 Und Ihr seid zu zweit in diesem Abenteuer und könnt Euch gemeinsam freuen, ärgern, wundern, zweifeln, ängstigen, entdecken, tanzen!
    Uns fällt es leicht, uns mit Euch zu freuen, denn wir bleiben hier in unserer vertrauten Welt. Aber es ist wirklich wunderschön und aufregend, den Menschen, die sich hinaus wagen, dabei zuzuschauen. So eine Art Stellvertreter-Reiseglück :-*
    (Naja, Helgoland ist ja auch ‘ne Reise wert…)

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